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Einatmen – ausatmen

August 23, 2018

 

Es knallt laut, ich zucke zusammen. Ich öffne meine Augen und nehme meine Finger aus den Ohren. Viel hatte dieser Lärmschutz nicht gebracht. Ich höre, wie das Gewehr nachgeladen wir. Ich stecke mir erneut die Finger in die Ohren und warte.

 

Ich gehe nervös die Schiessrange auf und ab. Heute ist mein erstes Schiesstraining mit richtigen Patronen. Ich versuche mich zu beruhig, dann aufzubauen und zu ermutigen. Ich kann das, ich schaff das, auch andere Frauen haben das geschafft. Ich habe vor allem vor dem Rückprall Respekt und natürlich macht mich die Tatsache nervös, dass ich ein Gewehr in der Hand habe, mit welchem ich wirklich jemanden töten könnte. Ich sorge mich, dass ich einen Fehler mache oder eine Munition stecken bleibt und das Gewehr so zu einer tickenden Bombe wird. Wir haben diesen Ernstfall bereits praktisch geübt, jedoch ohne geladene Munition.

 

«Wer ist nächster?», höre ich unseren Trainer Julien rufen. «Ich», rufe ich laut und deutlich und gehe mit zackigen Schritten auf den Schiessplatz zu. Ich nehme das Gewehr entgegen, spiele nochmals die Übung vom der Gewehrprüfung durch und führe nochmals das Blindladen des Gewehres vor (siehe mehr im letzten Beitrag). Alles klappt ohne Zwischenfälle und nun ist es soweit. Ich schaue mir die Zielscheibe genau an, es ist ein gezeichnetes Bild von einem Büffel. Dieser hängt an einer Kartonplatte und ist zwischen zwei Holzstecken links und rechts fixiert. Etwas oberhalb der Augenmitte befindet sich einen Kreis – mein Ziel. Es gilt dieses mit drei Schüssen nacheinander zu treffen. Unsere Waffe funktioniert mittels eines «single-action trigger», das bedeutet, dass wir nach jedem Schuss den Bolzen (siehe Bild im alten Beitrag - Bolt) nachladen müssen. Im Magazin befinden sich genau vier Patronen. Das heisst, wir schiessen die drei Patronen, laden die vierte und zielen, Finger am Abzug, dann ist die Übung offiziell durch und wir entladen die letzte Patrone wieder.

 

Ich gehe in Gedanken nochmals die Bewegungsabläufe durch und fokussiere dabei mein Ziel. Ich atme ein, ich atme aus: Waffe hochnehmen, laden, atmen, zielen, nachladen, atmen, zielen, nachladen, atmen, zielen, nachladen, nur zielen. In diesen Sekunden ist meine Welt auf diese Zielscheibe minimiert, mein Gehör mittels Gehörschutz isoliert von der Aussenwelt und ich höre nur meinen Atem. Ich merke, wenn ich noch länger warte, werde ich noch nervöser. Also gebe ich das Zeichen, dass ich bereit bin. Ich höre, wie Julien von drei auf eins zählt und ich hebe meinen linken Arm, setze das Gewehr auf meinen unteren rechten Hüftansatz, lade und habe es schon an meiner rechten Schulter. Ich drucke das Gewehr gegen meine Schulter, atme einmal tief ein, fokussiere und drücke ab.

 

Ich höre einen lauten Knall, verspüre einen Druck an meiner Schulter und dann den Rückprall. Ich atme aus, lade die zweite Patrone, atme ein und schiesse erneut. Dies wiederhole ich noch ein drittes Mal und beim letzten Mal ziele ich nur noch. Dann höre ich den Befehl «entladen und sichern» von Julien und das Ganze ist, als ich sage: «Magazie empty, chamber clear, rifle safe.», vorbei.

Ich nehme den Gehörschutz von den Ohren und schaue Julien atmend an. Er lächelt und nickt nur. Wir laufen zur Schiesstafel, um zu sehen, wie ich mich geschlagen habe. Dieses Mal lächeln wir uns beide an. Er nimmt den Hund vom Kopf und schüttelt mir die Hand. Auf dem Rückweg sage ich leise zu ihm: «Ehrlich gesagt, weiss ich gar nicht, ob ich wirklich ziele.» Er schaut mich abergläubig und lachend gleichzeitig an. «Was? Aber du hast ja getroffen.» «Ja schon, aber ich habe das Zielen nicht wirklich bewusst gemacht, kannst du mir nochmals zeigen, wie ich das Ziel in der Kerbe positioniere.» Er zeichnet es mir im Sand vor und weist nochmals auf meine Atmung hin. Denn diese und die Fähigkeit sich ruhig auf ein Ziel zu konzentrieren sowie die mentale Stärke im wichtigen Moment zu haben, sind der Schlüssel. 

 

Ja und jetzt? Wie meine zweite Schiessübung verlief, erzähle ich euch gerne im nächsten Blogbeitrag. Bis dahin atme ich tief ein und wieder aus. Tief ein und wieder aus – ein und wieder aus.

 

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