Das blaue Wunder

November 19, 2018

 

 

Das warme Wasser prasselt aus dem Wassereimer über mir auf mich herab. Ich hebe meinen rechten Arm und verspüre einen stechenden Schmerz in meiner rechten Schulter und in meiner rechten Brust. Als ich mir die beiden Stellen genauer betrachte, sehe ich zwei tiefblaue Flecken. Der Rückprall des Gewehres hat wohl doch bleibende Spuren hinterlassen. Witzigerweise, hatte ich bei der Löwenprüfung das Gewehr nicht sauber an meine Schulter angelegt, sondern eher oberhalb meiner Brust und so sieht diese nun leider etwas, nun wie soll ich sagen, mitgenommener als sonst aus 😊 Meine Schulter sieht leider auch nicht besser aus, wie unten ersichtlich:

 

 

Ich war heute Morgen Guide bei unserem Walk und nun muss ich heute Nachmittag als Back-up einspringen. Der Back-up läuft zu hinterst in der Schlange und ist eine Unterstützung bei der Gruppenkontrolle, Ausschau und leitet die Gruppe aus einer möglichen, heiklen Situation bei einem Sighting. Eigentlich mache ich dies wirklich gerne, doch da meine Schulter etwas schmerzt, kann ich den Rucksack nicht so angenehm tragen und das Gewehr wird in all den Stunden auch nicht leichter. Wir haben bei unserem Ausbildungscamp die Möglichkeit als «Lead» und als Back-up Guide uns an ein Gewehr zu gewöhnen. Ich mache mich bereit für den nächsten Walk und treffe die anderen Studenten dann beim Hauptzelt. Ich binde mir den Munitionsgürtel um und nehme das Gewehr (natürlich mit deinem Safety-Check) entgegen. Danach laden wir diese etwas abseits der «Gäste» und montiere noch die Aschesocke. Dies ist wirklich einfach eine Socke mit Asche gefüllt. Wir schütteln die Socke, die Asche wird wortwörtlich vom Winde verweht und wir sehen so, in welche Richtung der Wind weht und wie stark. Nach dem Briefing verschwinden wir in gewohnter Einzelreihe, still in den Busch – neuen Abenteuern entgegen. Nach gut 2.5 Stunden kommen wir glücklich zurück, zwar von einem ruhigeren Nachmittag, da wir nicht so viele Tiere gesichtet haben, dafür aber Zeit für die kleinen Dinge, wie Insekten oder Gräser und vor allem Spuren hatten. Abends im Bett schmerzt meine Schulter vermehrt und die blauen Flecken werden immer ersichtlicher. Mit etwas besorgten Gedanken für die Shooting-Range am nächsten Tag schlafe ich ein.

 

Frühmorgens machen wir uns auf den Weg zum Schiessstand. Ich bin wirklich nervös, denn meine Schulter kann ich nicht mehr richtig anheben, versuchen möchte ich es aber dennoch die südafrikanische Prüfung zu schaffen. Noch einen weiteren Schüler versucht die etwas schwerere Prüfung zu schiessen. Ich höre wieder Musik auf der Fahrt und versuche meine positiven Gedanken und mentale Stärke zu finden. Vielleicht kann ich den Schmerz ja einfach ausblenden.

 

Ich lasse den anderen Jungs den Vortritt, da ich mich heute überhaupt nicht selbstsicher fühle. Wie immer vor meinem «Auftritt», höre ich Eminem – Lose yourself oder besser gesagt «you only had one shot»:

 

Look
If you had one shot, or one opportunity
To seize everything you ever wanted
One moment
Would you capture it or just let it slip?

 

Hey, wenn du nur einen Versuch oder eine Gelegenheit hättest
Alles zu erreichen, was du je erreichen wolltest
Würdest du den Moment festhalten, oder zulassen, dass er dir durch die Finger rutscht?

 

Ja, ich habe nur einen Schuss. So mache ich mich entschlossen auf, nehme das Gewehr entgegen, bereite mich vor, gebe das Go, hebe das Gewehr an, lade, atme, fokusiere und drücke ab. Ich verspüre einen Schmerz, dass ich nicht mehr atmen kann. Ich lade nach, versuche nochmals zu zielen, drücke nochmals ab und schreie laut: «Fuck». Ich entlade und schaue Julien an. Ich schüttle den Kopf, atme schwer und gebe das Gewehr zurück. Ich gehe ein paar Schritte weg, versuche tief zu atmen und meine Schulter zu heben. Dann drehe ich mich um und Julien schaut mich prüfend an: «Meinst du, du kannst den Schmerz ausblenden?». «Ich versuche es – noch einmal», sage ich und strecke meinen Arm aus, um das Gewehr wieder entgegenzunehmen. Ich gehe nochmals alle Abläufe durch, sammle mich und beginne nochmals von vorne. Doch als ich das Gewehr an meiner Schulter habe, merke ich, dass ich vor jedem Mal abdrücken zusammenzucke und auf den Schmerz warte. Ich schaffe es nicht, den Schmerz auszublenden. Entsprechend schlecht waren auch meine Schiessresultate, ich breche ab und gehe enttäuscht, nein eher frustriert zum Auto zurück. Als ich mich hinsetze, merke ich wie sehr meine Schulter wirklich schmerzt. Ich muss mich hinlegen und flacher atmen. Nach einigen Minuten ist es wieder erträglicher und ich geselle mich zu den anderen Studenten.

 

Am Abend gehe ich früh ins Bett. Ich habe heute leider mein blaues Wunder erlebt, dass meine Schulter mir doch noch etwas länger meine Pläne durchkreuzen wird als mir das lieb ist.

 

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