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Herr Elefant

January 29, 2019

 

 

 

In der Ferne höre ich ein Geräusch, ein Knacken, ein tiefes Brummen, ab und zu ein Schmatzen. Ich höre, wie Luft, enorm viel Luft, ausgeatmet wird – in langanhaltenden Stössen. Ich öffne meine Augen und drehe mich langsam zur Seite, sodass ich durch das Moskitonetz von meinem Zelt schauen kann. Im ersten Augenblick sehe ich eigentlich nichts resp. einen Schatten, ah nein, es ist ein riesiger grauer Körper. Eine ledrige Haut, die Bauchgegend mit tiefen Furchen durchzogen und feinen Haaren an gewisse Stellen überzogen. Ich lächle und setze mich auf. Ich nehme meine Umgebung und diesen einmaligen und irgendwie intimen Moment mit all meinen Sinnen war. Es ist Mittagszeit und ich habe bis vor wenigen Minute noch ein Nickerchen gehalten. Ich lege mich wieder hin und döse mit dem Elefantenbesuch neben meinem Zelt ein bisschen weiter.

 

Der heutige Vormittag war fordernd, da ich den Lead-Guide übernahm. Nach dem Frühstück und sobald die Sonne aufgegangen war, verliessen wir das Camp um ca. 06.30 Uhr und fuhren mit dem Rangerover zuerst etwas in die Kwapa Consession hinein. Ziel war es, dass wir möglichst viele verschiedene Gelände ablaufen können. Nach ca. 15 Minuten Fahrtzeit stoppe ich das Auto, bringe meine Waffe in den Carrying Modus und gebe mein Activity-Brief den «Gästen». Dann gehen wir los, der Wind ist zu meinem Vorteil und die aufgehende Sonne haben wir im Rücken. Ich geniesse die kühlen Morgenstunden und den Vogelgesang, welcher wie eine Musik die Szene untermalt. Wir begegnen einer Herde Impalas, wessen Felle noch ganz aufgeplustert sind, um sich von der Kälte zu schützen. Ich bleibe stehen und beginne die Vormittags-Safari und integriere den angesprochenen Gedanken von meinen Trainern: «Ja, wir sehen viele Impalas und irgendwie ist es nichts spezielles mehr für uns, sie sind gewöhnlich. Doch diese Tiere sind nicht einfach gewöhnlich, sondern extrem erfolgreich in ihrer Überlebensstrategie. Sie profitieren von der Grösse ihrer Herde – je mehr Augen, Ohren und Nasen, desto schneller ist eine Gefahr gesichtet. Man muss zugeben, die Impalas geben wirklich schnell einen Alarmruf resp. Schnaufen ab, sodass sie schnell in Panik geraten und dann am Ende gar nicht mehr wissen, wer genau, warum angefangen hat. Aber ihr Motto setzen sie wirklich in die Tat um «Vorsicht ist besser als Nachsicht». Das nächste Mal betrachten wir vielleicht die Impalas mit anderen Augen – wir sehen sie als erfolgreich und nicht einfach als gewöhnlich an. Vielleicht können wir diesen Gedanken für "Gewöhnliches" auch in unseren Alltag integrieren?»

 

Mit dieser Frage im Raum resp. im Busch drehe ich mich um und gehe zielgerichtet von einem Busch zum nächsten. Es fühlt sich ein bisschen wie das Leben an. Wir bewegen uns in unserer Komfortzone, geschützt und irgendwie auch versteckt. So sehen wir mögliche Wege aber auch Gefahren bis zum nächsten «Versteck». Doch wenn wir vorankommen wollen, dann müssen wir uns ins offene Feld, die Unsicherheit wagen. Aber auch ins Feld aller Möglichkeiten. So fühlt es sich auf einem Walk auch immer wieder an – von Komfortzone zu Komfortzone.
Auf dem heutigen Walk sind wir keinen grösseren Tieren begegnet und kehren gegen Mittag wieder ins Camp zurück. Das Auto habe ich dieses Mal ohne Probleme wiedergefunden – nicht wie bei meinem letzten Walk (hier mehr).

 

Der Tag geht ohne grosse Überraschungen vorüber, abgesehen von meinem Herr Elefant, welcher mich während dem Nickerchen besuchte. Wir haben am Nachmittag eine Lektion über Ballistik und gehen etwas später auf einen weiteren Walk.

 

Am Abend liege ich wirklich müde im Bett und schlafe ziemlich rasch ein. Doch mitten in der Nacht höre ich ein Geräusch, ein Knacken, ein tiefes Brummen, ab und zu ein Schmatzen… Mit einem Schmunzeln drehe ich mich um, schön, dass auch mein Besucher Herr Elefant den Weg zurückgefunden hat.

 

 

 

--- Jetzt Live-Vortrag am 08.02.19 um 20:00 Uhr / weitere Infos hier ---

 

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