Die Weihnachtskatze


Sonntagmorgen – erster Advent und ich geniesse es in vollen Zügen, noch im Bett liegen zu können. Ich sauge die ersten Wintersonnenstrahlen, welche durchs Fenster direkt auf mein Gesicht fallen wie ein durstiger Weihnachtsstern auf. Ich höre ein leises Klicken des Törchens, dann ein Trippeltrappel auf dem Holzboden und schon bald kommt unsere WG-Katze um die Ecke geschlichen. Sie kommt mit einem geschmeidigen Gang auf mich zu und schmust kurzerhand die Bettkante mit ihren süssen Katzenbäckchen ab. Wie so oft, gesellt sie sich kurz, schnurrend in mein Bett und schaut mich erwartungsvoll an. Dann springt sie mit einem Satz vom Bett und lässt mein Zimmer mit ihren leisen Katzenmiau`s erfüllen. Ich schmunzle und um mein Herz wird es wärmer. Wie ich mich doch an dieses morgendliche Ritual schon gewöhnt habe. Ich recke mich und springe dann fröhlich aus dem Bett. Die Katze tänzelt vor mir her, hält an, vergewissert sich, dass ich auch mitkomme und rennt denn die letzten Meter zu ihrem Napf. Sie schlendert mir um die Füsse, umgarnt mich förmlich und gurrt dazu. „Ja Stinker, gleich gibt es Frühstück.“ Liebevoll streichle ich ihr durchs Fell und spreche noch ein paar Kosenamen aus, während ich ihr Futternapf fülle. Danach lasse ich mir einen Kaffee raus und schaue den kleinen Wollknäuel vor mir mit so viel Liebe an, dass ich wieder schmunzeln muss.


Ich hebe den Kopf, betrachte den Schnee durch das Fenster und lasse dann den Blick durch das Wohnzimmer schweifen. Nun, was liegt denn da? Auf dem Sofa befindet sich etwas Braunes. Nein, keine Angst, keinen Kot. Ich betrachte das Fundstück aus der Nähe und erkenne, dass es ein Engel aus Holz ist. Erstaunt schaue ich mich im Raum um. Keine weiteren Holzfiguren sind zu finden. Ich stelle den Holzengel auf den Küchentisch und warte bis langsam alle im Haus erwachen.


Wie jeden Adventssonntag geniessen wir gemeinsam an einem wunderbar gedeckten Weihnachtstisch ein üppiges Frühstück mit Weihnachtsliedern im Hintergrund. Mein Blick fällt wieder auf den Holzengel und so frage ich meine Mitbewohnerinnen und -bewohner, wer denn einen Holzengel letzte Nacht auf dem Sofa liegengelassen habe. Keiner fühlt sich angesprochen oder ist der stolze Besitzer dieses wirklich detailreich geschnitzten Engels. Nun gut, ich setze den Engel auf unser Kamin und geniesse den verschneiten Sonntag.


In den kommenden Tagen und Wochen fanden wir an so manchen Stellen in unserem Haus weitere Holzfiguren. An manchen Tagen aufeinander gleich eine ganze Hirtentruppe mit Schafen, an anderen Tagen nur einen Esel oder einen Ochsen. Interessanterweise fanden wir die Holzfiguren immer nach dem Eintreffen unsere Katze. Manchmal lag die Katze dösend daneben, ein anderes Mal stand sie miauend im Gang, als wolle sie uns ihre Maus oder eben ihr Fundstück zeigen. Wir beobachteten in der Adventszeit immer mehr, dass die neuen Besitztümer in unserem Haus wohl einen Zusammenhang mit unserer leichtfüssigen Katze haben müssen. Anders konnten wir uns nicht erklären, wieso wir bald eine ganze Krippe im Haus hatten. Natürlich fanden in den nächsten Tagen auch Melchior, Balthasar und Kaspar in unserer WG ein Zuhause. Als dann eines Morgens neben der zusammengerollten Katze auf dem Sofa eine weibliche Holzfigur und am nächsten Morgen eine männliche Holzfigur lagen, wussten wir: unsere Katze stiehlt irgendwo eine Krippe.


Wir riefen eine ausserordentliche WG-Sitzung ein und schauten alle wortlos auf die Krippenfiguren, welche sich nun schön aneinanderreihend auf dem Kamin befanden. Ratlos überlegten wir, wo die Katze wohl die Figuren klaut. Wir besprachen, ob wir einen Zettel in alle Briefkästen der Nachbarschaft legen sollten, worin wir erklären, dass wir vielleicht ungewollt rund 80% ihrer Weihnachtskrippe besitzen. Aus Witz machten wir auch noch einen Social Media Post und erklärten darin unsere humorvolle und doch unbehagliche Situation. Vielleicht ist der Besitzer dieser Krippe ja ein Follower von uns… wer weiss…


Am vierten Adventsmorgen wachte ich früh auf, denn ich wurde vom Kratzen der Katze an meiner Zimmertüre geweckt. Als ich verschlafen die Tür öffnete und auf die Katze hinunterschaute, musste ich laut lachen. Nun war es soweit, sie hatte doch tatsächlich Jesus entführt!

Ich rannte hinter der Katze her und versuchte Jesus aus ihrem Mund zu befreien. Nun hatte ich den Beweis, dass die Katze wirklich der Dieb war. Doch was macht man mit einer kleptomanischen Katze. Wir können sie ja nicht einsperren.


Sobald alle WG-Mitglieder wach waren, gingen wir nach draussen und versuchten anhand der Katzenspuren im Schnee zu eruieren, woher unsere Katze kam. Vielleicht führte uns die Spur ja zum leeren Stall. Ich ging links um das Haus und traf dabei auf unsere ältere Nachbarin. Sie grüsste mich freundlich und wir kamen ins Gespräch. An ihrem Fenster hing ein grosser, leuchtender Weihnachtstern, welche ich sofort wahrnahm. „Oh, was für ein schöner Stern sie doch haben.“, bemerkte ich lächelnd. Die ältere Dame schaut den Stern an und meint nachdenklich: „Ja, mal schauen für wie lange.“ „Wie meinen sie das, wollen sie ihn nicht mehr?“, frage ich erstaunt. „Doch, doch, aber diesen Dezember ist etwas Merkwürdiges passiert. Aus meiner Krippe im Wintergarten wurden alle Holzfiguren geklaut. Wer macht denn sowas? Die Welt ist aus den Fugen.“


Ich konnte mir das Lachen nicht verkneifen und rief alle WG-Mitbewohner zu mir. Gemeinsam erklärten wir unserer Nachbarin, was seit Wochen doch vorgefallen sei. Nun konnte auch sie wieder lachen. Wir brachten natürlich die Holzfiguren umgehend zurück und entschuldigten uns für diese Unannehmlichkeiten. Ich wollte mich schon verabschieden, als ich nebenbei sagte: „Nun werden sich sicher all ihre Gäste an Heiligabend über die tolle Krippe erfreuen.“ Die ältere Dame schaute verlegen zu Boden und meinte traurig: „Naja, das werde wohl nur ich sein.“ Ich blieb wie vom Blitz getroffen stehen und sagte aus dem nichts: „Dann kommen sie doch morgen Abend zu uns.“ Das Gesicht der Nachbarin erfüllt sich mit einer solchen Freude, dass sie fast mehr strahlte als der Weihnachtstern am Fenster. „Also das geht doch nicht“, meinte sie leise. „Warum nicht, wir würden uns freuen und unsere Katze erst. Also abgemacht, bis morgen um 18 Uhr“, sagte ich beim Herausgehen. „Was darf ich denn mitbringen?“, rufte sie mir fragend nach. Ich drehte mich um und sagte mit einem breiten Lächeln: „Die Krippe.“



In diesem Sinne wünsche ich euch eine wunderbare Adventszeit - mit vielen kleinen und grossen Weihnachtsentdeckungen.

Eure Isa



Zur weiteren Weihnachtsgeschichte:

Das Christkind im Kinderwagen

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